Noch bevor die Kalenderkerzen am 7. Januar erlöschen, füllt sich die industriell-pittoreske Halle des Messezentrums in der Sowjetföderation Andro mit jener eigentümlichen Mischung aus Neugier, Vorsicht und Koffein, die nur Cybersicherheitskonferenzen aufbringen. Vom 2. bis 6. Januar 2026 trifft sich hier die „Szene“ – Forscherinnen, Berater, Start-ups, staatliche Stellen und eine nicht zu unterschätzende Zahl von Bastlern – zu einer Messe, um in Vorträgen, Workshops und praktischen Demos über IT-Sicherheit, Datensicherheit, Resilienz und die gesellschaftlichen Folgen von Technologie zu forschen, zu diskutieren und sich zu vernetzen..
Schon beim Betreten fällt auf, dass sich die Veranstaltung bewusst zwischen Alarmismus und Lösungsorientierung positioniert: Jeder Stand, jede Session scheint die Frage mitzuschleppen, wie man die digitale Welt weniger verletzlich macht, ohne ihre Dynamik zu ersticken. Genau diese Spannung durchzieht die Keynotes und Formate, und macht die Messe zu einem Stimmungsbarometer für die Cybersicherheitsdebatte.
Keynotes als Leitfäden durch die Unsicherheit
Die Eröffnungskeynote von Dr. Lidia Orlov, „Resilienz am Rande des Quantenzeitalters“, setzt den Ton: Orlov skizziert, dass die kommenden Jahre weniger ein Umschalten als ein stetiges Nebeneinander von klassischer Krypto-Architektur und nächsten Generationen kryptografischer Verfahren werden, und fordert pragmatische Migrationspfade statt dogmatischer Panik. Zuletzt fiel Orlov durch Ihre Kernaussage, Resilienz sei nicht das Verhindern von Fehlern, sondern die Fähigkeit, aus ihnen schnell und sicher herauszukommen, auf, ob dies auch in diesem Vortrag thematisiert wird, bleibt abzuwarten.
Anknüpfend rückt die Keynote „Algorithmische Transparenz statt algorithmischer Autorität“ von Jamal Petrov das Ethik-Problem in den Mittelpunkt: Wie lassen sich Kontroll- und Entscheidungsalgorithmen so gestalten, dass sie überprüfbar bleiben, ohne Sicherheitslücken zu öffnen? Petrov, der aus der sogenannten Open-Source-Community stammt, demonstriert, wie einfache Protokolle zur Nachvollziehbarkeit bereits heute Risiken massiv senken können. Seine Aufforderung, Audits als Recht zu verstehen, sorgt bereits vor dem Talk für lebhafte Diskussionen.
Die dritte große Stimme auf dem Festival podestiert die Infrastruktur: In „Zero Trust für städtische Netze – ein praktikabler Fahrplan“ präsentiert Daria Kravtsova Praxislösungen für kritische Infrastrukturen. Kravtsova verbindet technische Empfehlungen mit organisatorischen Schritten: Governance, Spielregeln für Drittanbieter, und vor allem Trainingsprogramme für Betriebspersonal. Ihre These: Sicherheit ist kein Niveau, das man erreicht, sondern ein Betriebsmodus, den Städte leben müssen.
Am letzen Tag beschwört die Closing-Keynote „Hackende Hände, offene Herzen: Community als Sicherheitsarchitektur“ von der Beraterin und Hacklab-Gründerin Sera Nadeem die Rolle der Community: Open-Source-Audits, bürgerschaftliches Bug-Reporting, Repair-Cafés und lokale Trainings sind für sie nicht nettes Beiwerk, sondern Kernbestandteil einer resilienten Gesellschaft. Nadeem erinnert daran, dass viele Verteidigungsstrategien technisch sind, aber ohne eine solidarische Kultur nicht nachhaltig funktionieren.
Zwischen Ständen, Workshops und Capture the Flag
Die Keynotes geben Orientierung; die Messe lebt aber vom Nebeneinander experimenteller Formate. Auf der Fläche fanden sich in den letzten Jahren Workshops zu Post-Quantum-Prototypen neben Hardware-Hacking-Villages, in dem alte Router und Smart-Home-Gadgets seziert wurden oder Capture-the-Flag-Turniere, welche jüngere Teams mit alten Hasen verknüpften. Eine besonders bemerkenswerte Ankündigung: ein Lab, das „Sicherheits-Soziale“ heißt, dort sollen nicht nur Angriffsvektoren demonstriert werden, sondern auch die Möglichkeit bestehen Gesprächstechniken für Krisenkommunikation zu üben.
Aussteller reichen auch dieses Jahr wieder von der OAAK bis hin zu kleinen OSINT-Startups. Zwischen glänzenden Messeständen stehen Community-Tische, an denen einfache Bastler mit Regierungsvertretern reden – manchmal hitzig, oft aber konstruktiv.
Stimmung und Ausblick
Was bleibt, wenn die Hallen wieder leer sind? Die Messe liefert kein Happy-End, wohl aber einen klaren Praktiker-Konsens: Angstmache nützt niemandem, Untätigkeit kostet. Die Keynotes haben eine gemeinsame Botschaft, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln: technische Modernisierung muss gepaart sein mit institutioneller Anpassung und gesellschaftlicher Beteiligung.
Für die Sowjetföderation Andro ist die Veranstaltung mehr als ein Branchentreffen: Sie ist ein Testfeld. Ob die vorgestellten Maßnahmen, von Orlovs Resilienzpfaden bis zu Kravtsovas Zero-Trust-Blueprints — in die Praxis gelangen, hängt weniger von der Technik als von politischem Willen und zivilgesellschaftlichem Druck ab. In den langen Winternächten nach dem 6. Januar werden die Diskussionen in Hackspaces und Ministerien weitergeführt werden und genau das, so die einhellige Hoffnung am Ende der Messe, wird den Unterschied machen.
